Leseprobe »Kapitel 9«

„Er lässt dann kaum mit sich reden ..."

Der Spion und die Sicherheit

Am Samstag, dem 12. August 1961, saß Karl-Heinz Kurras abends gemütlich mit einem Kollegen beisammen. Irgendwann nach Mitternacht begab er sich nach Hause und legte sich schlafen. Um 4.30 Uhr wurde er plötzlich geweckt - Großalarm. Was war passiert? Die DDR hatte begonnen, zwischen den drei Westsektoren und dem Ostsektor Berlins eine Grenze aus Stacheldraht zu errichten. Der S-Bahnverkehr zwischen beiden Teilen der Millionenstadt war unterbrochen, die Straßen abgeriegelt. Drei Tage später wurden die ersten Teile einer festen Mauer errichtet. Kurras wurde in der Chausseestraße, also an der Sektorengrenze zwischen Wedding und Mitte eingesetzt, wo empörte Jugendliche ihrem Unmut über die menschenverachtende Maßnahme freien Lauf ließen. Aufgabe der Kriminalpolizisten war es, solche „Provokationen", wie sie im Osten genannt wurden, zu verhindern, um die Situation nicht eskalieren zu lassen. Die meisten seiner Kollegen hatten vermutlich Verständnis für die aufgebrachten jungen Leute, auch wenn sie sie gemäß ihres Auftrages beruhigen und abdrängen mussten. Nicht so Karl-Heinz Kurras. In den Akten findet sich keine kritische Reflexion der Ereignisse. Ihm erschien die Mitteilung wichtiger, dass er der Schießstand am Wannsee, den er regelmäßig aufsuchte, nun vorübergehend geschlossen worden sei. Er regte sich zudem über die „feinen Damen" auf, die schon am Nachmittag des 13. August - einem Sonntag - auf dem Kudamm saßen und Kaffee tranken, als sei nichts geschehen. Sie würden „ihr Dronendasein" einfach weiterleben.

Zweifellos wurde Kurras von den Ereignissen völlig überrascht - wie fast alle Menschen in West- und Ost-Berlin auch. Allerdings war in Politik und Presse viel darüber gemutmaßt worden, dass irgendeine Aktion zur Unterbindung der Massenflucht von Ost nach West bevorstünde. Nicht zuletzt hatte US-Präsident John F. Kennedy Moskau gegenüber Stillhalten signalisiert, sofern nur die Interessen der West-Alliierten in West-Berlin - nicht in der gesamten Stadt - unberührt bleiben würden. So rechnete man allenthalben damit, dass irgendetwas geschehen würde.

Für „Otto Bohl" und seine Leute im Osten brachte die neue Situation natürlich unvorhergesehene Schwierigkeiten mit sich. Wie sollte von nun an der Kontakt aufrechterhalten werden? Beamten der Kriminalpolizei wurde es bald verboten, in den Ostteil hinüber zu fahren. Aber auch ohne ein solches Verbot war von nun an unter den verschärften Sicherheitsbedingungen ein solcher Ausflug gefährlich. Aus den Akten und seiner eigenen Tätigkeit wurde Kurras bald gewahr, dass Kripo-Beamte, die bei Reisen nach Ost-Berlin entdeckt wurden, automatisch unter Spionageverdacht gerieten und vom Staats- oder Verfassungsschutz beobachtet wurden. Das traf selbst solche Kollegen, die lediglich ohne auszusteigen die S-Bahn zur Durchreise durch den Ostsektor nutzten, weil dieser Weg für sie eine Abkürzung von einem Teil West-Berlins in den anderen war. Die S-Bahn gehörte zur Reichsbahn, und diese gehörte der DDR - genug Anlass, um sich verdächtig zu machen. Ohnehin war es in der ersten Zeit nach dem Mauerbau für West-Berliner verpönt, sie zu nutzen.

Den letzten Treff hatte Kurras am 3. August mit Oberleutnant Eckert gehabt. Es war ein Kurztreff gewesen, bei dem vor allem über das aktuelle Verhältnis zwischen USA und Sowjetunion gesprochen worden war. Der nächste Termin war für den 17. August an einer Telefonzelle am Ost-Berliner Dönhoffplatz verabredet worden, also sechs Tage nach dem Beginn der Absperrmaßnahmen. Und er fand auch tatsächlich statt. Anders als bei vielen anderen GMs brach der Kontakt zu Kurras auch in den ersten Wochen nach dem Bau der Mauer nicht ab. Er kam zwar 20 Minuten zu spät, aber er kam. In diesen Tagen konnten West-Berliner noch einigermaßen ungehindert die Sektorengrenze passieren. Gleichwohl war die Sache jetzt viel gefährlicher, weil nach der Ausrufung eines Großalarms für die gesamte West-Berliner Polizei rund um die Uhr Kriminalpolizisten an den Absperrungen Dienst taten und Kurras so jederzeit Gefahr lief, auf einen Bekannten zu stoßen. Beim nächsten Treff am 8. September hatte er dann Probleme, hinüberzugelangen und musste sich auf dem Bahnhof Friedrichstraße erst an einen Bahnpolizisten der DDR wenden und ihn über den Grund seiner Einreise in Kenntnis setzen. Auch das war nicht ungefährlich, bestand doch die Gefahr der Dekonspiration durch die Grenzer. Gleichwohl hatte er für das MfS interessante Informationen über die Tage unmittelbar nach dem Beginn der Abriegelung. Sicher haben darüber auch andere GMs berichtet, aber Kurras' Schilderungen rundeten das Bild zweifellos ab. Er berichtete vor allem über die „starke Unruhe" die unter seinen Kollegen in der Kripo-Inspektion Tiergarten herrsche. Die Stimmung sei mies, auch weil der Großalarm nun schon Tage dauere und die Verpflegung schlecht sei. Auch die Kriminalbeamten waren zum Dienst an den neuen Grenzübergängen eingeteilt. Ihre Aufgabe war es einerseits, Personen, die nach Ost-Berlin fuhren, mit Adresse und Angaben zum Arbeitsplatz zu notieren, andererseits die KFZ-Kennzeichen von Fahrzeugen in beide Richtungen zu notieren, wobei sie die Insassen der West-Fahrzeuge über Reiseziel und -zweck befragten. Schon im Laufe der ersten Tage entstand eine 35seitige Liste mit Personen, denen ein Übergang von West nach Ost verboten wurde. An dieser Liste zeigte das MfS größtes Interesse.

Auf die neue Lage nach der Abriegelung musste die Berliner MfS-Verwaltung reagieren. Man traf zwei Beschlüsse: Erstens wurde Charlotte Müller alias „Lotte Schwarz" von nun an regelmäßig zu Treffen nach West-Berlin geschickt. „Bohl" sollte nur noch zwei Mal pro Jahr für längere, bis zu drei Tage dauernde Zusammenkünfte mit seinem Führungsoffizier in den Osten kommen. Dabei ging es dann jeweils um Grundsätzliches wie Probleme der Konspiration und Sicherheit, Perspektiven des GM oder seine politische Erziehung. Müller wurde somit endgültig zur wichtigsten Kontaktperson von Kurras. Persönlich kannte er neben ihr nur seine Führungsoffiziere Redlin (der gerade aus Altersgründen ausgeschieden war), dessen Nachfolger Eiserbeck, Oberstleutnant Eckert (der Eiserbeck hin und wieder vertrat) sowie zwei weitere MfS-Genossen, die ihn in die Techniken von Geheimschreibverfahren und Funkverkehr eingewiesen hatten.

Da ständig die Möglichkeit bestand, dass „Lotte Schwarz" überwacht werden würde, musste sie von nun an Wege von Ost- nach West-Berlin wählen, die ihr eigentliches Ziel zunächst verdeckten. Auf diese Weise konnte sie genau beobachten, ob sie verfolgt wurde und in diesem Fall ihren Aufenthalt möglicherweise schon an einer ganz anderen Stelle der Stadt abbrechen, bevor sie den eigentlichen Treffort mit „Otto Bohl" erreichte. Bevorzugte Treffpunkte waren das Café am Schleusenkrug in Tiergarten (Tarnname „Trude") und der Kurt-Schumacher-Platz („Kurt".) Aber auch an anderen Orten, zum Teil auch auf der Straße, trafen sich die beiden. Geschleust wurde Charlotte Müller regelmäßig am Bahnhof Friedrichstraße. Teilweise geschah das über einen Dienstübergang für Angestellte der Reichsbahn, der sich in einem unterirdischen Verbindungsgang zwischen dem U-Bahnsteig (der nur vom Westen aus benutzt werden konnte) und dem S-Bahnsteig befand und auch zur Schleusung von Agenten genutzt wurde. Meistens aber passierte Müller die normale Grenzübergangsstelle für Bürger der Bundesrepublik, da sie ja im Besitz eines westdeutschen (später österreichischen) Passes war. Auch Kurras wurde durch die unterirdische Schleuse in den Ostteil gelassen und dort von Eiserbeck in Empfang genommen. Mit einem in einer Seitenstraße von der Friedrichstraße geparkten Wagen ging es dann zur konspirativen Wohnung, in der das Gespräch stattfand. Anschließend wurde Kurras über den umgekehrten Weg wieder nach Westen gebracht. Bei Insidern trug dieser Gang später die Bezeichnung „Ho-Chi-Minh-Pfad".

Der Weg Müllers zu den Treffpunkten sah dann so aus wie zum Beispiel am 4. Oktober 1961. Nachdem sie um 13.10 Uhr vom Bahnhof Friedrichstraße nach Gesundbrunnen gefahren war, machte sie einen Spaziergang in Richtung Bornholmer Brücke und bis zur Prinzenallee. Um 16.15 Uhr fuhr sie mit dem Bus zurück nach Gesundbrunnen. Von dort machte sie sich zu Fuß zum Humboldthain auf, wo sie sich zunächst auf eine Parkbank setzte. Um 17 Uhr schließlich begab sie sich von der Hussitenstraße die Gustav-Meyer-Allee entlang in Richtung Gleimtunnel -auf der einen Seite in der hereinbrechenden Dämmerung die Parklandschaft des Humboldthains, auf der anderen die Klinkerbauten der AEG-Werke. Von der anderen Seite des etwa 300 Meter langen Straßenabschnitts näherte sich „Otto Bohl". Er hatte sich um eine halbe Stunde verspätet und ging auf der anderen Straßenseite an „Lotte Schwarz" vorbei, ohne sie wahrzunehmen. So musste sie ihm bis zur Hussitenstraße zurück hinterherlaufen und ihn schließlich ansprechen. Fast viereinhalb Stunden, nachdem sie die Sektorengrenze überquert hatte, standen sich beide endlich gegenüber. Um ihre dienstlichen Pflichten zu erledigen, schlenderten sie durch den Park. Um 19.15 Uhr verspürte Kurras Hunger und überredete Müller dazu, mit ihr ein Brathähnchen essen zu gehen. In diese Speise war er offenbar vernarrt, und so trafen sich die beiden einige Male auch gleich im „Wienerwald" am Kurt-Schumacher-Platz. Um 19.15 Uhr schließlich brach Müller wieder auf und gelangte über den Bahnhof Friedrichstraße um 19.40 Uhr wieder in den „demokratischen Sektor".

Umso höher Kurras bei der Kriminalpolizei aufstieg, umso mehr musste er auf die Absicherung der Treffs achten. Das galt besonders, seit er bei der Abteilung I arbeitete. Immer wieder wies Eiserbeck Müller an, ihm die Bedeutung des Sicherheitsaspekts deutlich zu machen. Aber auch für Müller selbst war äußerste Vorsicht geboten. Schon drei Wochen nach dem Beginn der Abriegelungsmaßnahmen wurde für sie eine Legende für den Fall aufgestellt, dass sie mit ihrem vom MfS gefälschten westdeutschen Pass auf West-Berliner Seite in eine Personenkontrolle geriet. Sie sollte in diesem Fall erklären, dass sie unbedingt den Kontakt zu ihrer Im Westen lebenden Schwester aufrechterhalten wolle. Daher habe ein ihr bekannter Ausländer ihr angeboten, für 150 Mark einen westdeutschen Personalausweis zu beschaffen. Im Falle einer intensiveren Kontrolle sollte sie auch den Namen der Schwester preisgeben und sich selbst als zwar loyale, aber unpolitische Bürgerin der DDR ausgeben. Drei Jahre später wurde genau aufgeschrieben, wie sich Müller verhalten solle, falls sie in West-Berlin festgenommen würde. Insgesamt solle sie freundlich bleiben, sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, ihre Schwester als Grund der Einreise nennen, keine weiteren Namen nennen und ihre SED-Mitgliedschaft nicht erwähnen. Auf keinen Fall dürfe sie ein Geständnis ablegen. Auch eine Rolle wurde ihr aufgeschrieben - sie solle einfach „ein altes vergessliches Mütterchen spielen". Eine kritische Situation entstand, als sie ihren gefälschten westdeutschen Pass in West-Berlin verlor. Aber anscheinend hatte ihn niemand aufgefunden oder wenn doch, nicht bei der Polizei abgegeben, so dass es offenbar nicht zu Nachforschungen kam.

Vor seinem Wechsel in die Abteilung I wurde Kurras' Vergangenheit nach Ergebnissen durchleuchtet, die ihn belasten konnten. Sorgen musste er sich anscheinend nicht machen. Bei seiner Einführung unterschrieb er eine Verpflichtung, strengstes Schweigen zu wahren, alle Ostkontakte sofort zu melden und sich mit eventuellen Überprüfungen, Überwachungen und Hausdurchsuchungen einverstanden zu erklären. Eiserbeck trug Kurras immer wieder auf, sich besonders um das Vertrauen seiner Vorgesetzten zu bemühen. Da hatte er überraschenderweise einen Startvorteil. Denn als er sich bei seinem neuen Vorgesetzten von der 1. Inspektion der Abteilung I vorstellte, sprach dieser von sich aus das Thema der sowjetischen Internierung an. „Die Geschichte aus Sachsenhausen gefiel ihm sehr und er befragte mich, wie die Behandlung gewesen sei. Ich betonte alles sehr schlecht. Und schließlich meinte er, dass ich die Kommunisten am eigenen Leibe gespürt habe und dass ich von dieser neuen Dienststelle gezielt gegen Kommunisten vorgehen könne. Er setze in meine Person großes Vertrauen", schilderte Kurras das Gespräch.

Doch der Agent musste immer und überall mit gefährlichen Enthüllungen rechnen. So stieß er selbst im Juni 1965 auf alte Akten über seinen ersten Führungsoffizier Fritz Redlin, den Mann also, bei dem er sich zehn Jahre zuvor für die Stasi beworben hatte. Bekannt war dessen Tarnname „Hans Turm", in der Akte fanden sich Aussagen von Personen, die mit ihm zusammengearbeitet hatten. Über den MfS-Mann selbst lagen Einschätzungen, Personenbeschreibungen und anderes mehr vor. Außerdem waren Orte angegeben, an denen er die Treffs mit seinen Agenten durchgeführt hatte. Das hätte für Kurras sehr gefährlich werden können, doch entweder waren die Unterlagen zu alt (sie stammten dann vermutlich aus Überprüfungen zu Beginn der fünfziger Jahre) oder Kurras´ Aktivitäten waren so gut verschlüsselt gewesen, dass die Angaben für seine Kollegen undurchschaubar waren. Jedenfalls erwuchs aus dieser Angelegenheit letzten Endes keine Gefahr, obwohl die Informationen allesamt richtig waren. Kurras nahm die Sache offenbar auf die leichte Schulter. „Bohl war darüber nicht besonders berührt. Er sagte, dass so etwas passieren könne", notierte „Lotte Schwarz" nach einem Treff, zu dem sich beide gemütlich auf einer Bank im Kleinen Tiergarten in Moabit niedergelassen hatten.