Der Fall

checkpoint-charlieIm Mai 2009 wurde bekannt, dass Karl-Heinz Kurras - der Polizist, der am 2. Juni 1967 während einer Demonstration den Studenten Benno Ohnesorg erschoss - ein Spion des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR gewesen ist. Die Sensation war perfekt: Ohnesorg war nicht von einem Vertreter des vermeintlich „faschistoiden" westlichen Imperialismus umgebracht worden, wie Vertreter des linken politischen Spektrums seit Jahrzehnten betont hatten, sondern von einem willfährigen Handlanger der ostdeutschen sozialistischen Diktatur. Von einem Topagenten des DDR-Geheimdienstes.

Nach dieser Entdeckung belagerten Fernsehteams tagelang die sonst ruhige Straße im Berliner Bezirk Spandau, in der das Ehepaar Kurras in einem Mehrfamilienhaus lebt. Journalisten klingelten Sturm oder warteten vor der Haustür, bis Kurras heraus kam, um schon vormittags zu seiner Stammkneipe zu radeln. Und er gab ihnen, was sie wollten - pampige Antworten ((www.superillu.de/bildergalerie)) auf inquisitorische Fragen. Hat er Ohnesorg im Auftrag der Stasi erschossen? Ist er also ein Mörder? Warum hat er überhaupt für die Stasi gearbeitet? Wie fühlt er sich heute? Tut es ihm wenigstens leid? Der alte Mann antwortete trotzig, uneinsichtig, widersprüchlich. Mal behauptete er, gar kein Stasi-Mitarbeiter gewesen zu sein; am Tag danach bezeichnet er sich plötzlich sogar als Major des MfS. „Das habt ihr noch gar nicht gewusst!" Dann und wann wurde er sogar ein wenig unflätig in seiner Ausdrucksweise. Vielleicht hatte er sich dann zuvor in seinen Keller zurückgezogen, um - was er gerne tut - in Ruhe ein Bier zu trinken. Das heutige Auftreten dieses Mannes ist erstaunlich, denn in den Akten erscheint ein ganz anderer Karl-Heinz Kurras: forsch, adrett, dem Alkohol abstinent.

prozess-gratulation-kleinDrei Aspekte der sensationellen Aufdeckung von Kurras` Dienste für die Stasi sind es, die so elektrisierend wirken. Einmal stellt sich die Frage, inwieweit die West-Berliner Polizei in den vier Jahrzehnten der deutschen Teilung eigentlich vom MfS infiltriert war, was die Stasi wusste, wie sie an ihr Wissen kam und wie sie es nutzte. Die Aufklärung, an der Politik und Polizei lange kein Interesse hatten, steht erst ganz am Anfang und wird in absehbarer Zeit zweifellos noch Vieles zutage fördern. Zum zweiten setzte sogleich eine Diskussion darüber ein, welchen Einfluss die Entdeckung auf das Selbstverständnis der Generation der 68er, auf ihre eigene Sicht der Geschehnisse rund um den Tod des Studenten Benno Ohnesorg, auf die anschließenden Studentenproteste, die damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen in der damaligen Bundesrepublik sowie die Entwicklung hin zur Eskalation der Gewalt im Zusammenhang mit der terroristischen Rote Armee Fraktion (RAF) und der Bewegung 2. Juni hat.

Die Meinungen pendeln bislang zwischen der These, dass seine MfS-Tätigkeit überhaupt keinen Einfluss habe, bis hin zur Theorie, die Geschichte der 68er müsse neu geschrieben werden - und ein Konsens scheint unerreichbar. Diese Diskussion dürfte jedenfalls noch lange nicht zu Ende sein. Damit zusammen hängt die Frage, ob es möglicherweise zu einem neuen Prozess gegen Kurras wegen des Todesschusses geben könnte. Zweimal wurde er 1967 und 1970 freigesprochen, obwohl vieles gegen seine Aussage sprach, er habe in Notwehr gehandelt. Viele Fragen blieben offen, Spuren wurden nicht verfolgt oder sogar verwischt. Nun sind neue Fragen hinzugekommen, möglicherweise ergeben sich in der Zukunft auch noch neue Spuren.

grenzkontrolle

FOCUS-Redakteur Armin Fuhreer zeichnet in seinem Buch „Wer erschoss Benno Ohnesorg?" komprimiert, aber umfassend die zwölf Jahre währende Stasi-Tätigkeit von Karl-Heinz Kurras nach. Es bringt neue Details und viele Ereignisse in einen Zusammenhang, ordnet ein und korrigiert auch Fehler aus der Berichterstattung der Medien. Es geht, soweit dies möglich ist, der Frage nach, wer Karl-Heinz Kurras war und ist - und was ihn dazu bewegte, sein eigenes Land zu verraten und sich in den Dienst einer Diktatur zu stellen. Es nähert sich dem Menschen ein Stück weit an. Es ist aber keine Biographie, denn die Stasi-Akten geben nur einen begrenzten Ausschnitt von der Persönlichkeit des Protagonisten und seines Umfelds preis. Immerhin verraten die von Kurras verfassten Berichte einiges über ihn und seine Weltsicht, und auch die zahlreichen Einschätzungen seiner MfS-Führungsoffiziere lassen Rückschlüsse auf ihn zu.

Daneben bekommt der Leser einen Eindruck davon, wie stark die West-Berliner Polizei schon seit den 1950er Jahren von der Stasi unterwandert war. Detaillierte Untersuchungen zu diesem Thema erscheinen dringend nötig, denn das Ausmaß scheint größer gewesen zu sein, als wir es uns bisher vorstellen mögen. Karl-Heinz Kurras jedenfalls war nur ein Rädchen im Getriebe des großen MfS-Überwachungsnetzes. Aber ein wichtiges.